Mehr als Liebe – was ein Assistenzhund für ein gutes Leben braucht
Ein Assistenzhund kann einem Menschen im Alltag auf eine ganz besondere Weise helfen. Er kann lernen, Aufgaben zu übernehmen und „seinen“ Menschen in vielen Situationen unterstützend zu begleiten. Dabei wird leicht übersehen, dass er selbst eigene Bedürfnisse, Vorlieben und Grenzen hat, die berücksichtigt werden wollen und müssen. Liebe ist wichtig. Für ein gutes Hundeleben braucht es aber noch mehr: Menschen, die genau hinsehen und bereit sind, die Bedürfnisse ihres Hundes in ihren Alltag einzubeziehen und, wenn nötig, auch über die eigenen Bedürfnisse zu stellen.
Jeder Hund braucht mehr als eine Aufgabe
Assistenzhunde lernen häufig sehr gezielte Verhaltensweisen. Sie bringen Dinge, geben ein Signal oder unterstützen ihren Menschen in bestimmten Situationen. Doch kein Hund besteht nur aus seinen Fähigkeiten und der ihm zugedachten Aufgabe. Auch ein Assistenzhund braucht Zeit, in der er einfach Hund sein darf: dösen, schnüffeln, erkunden, spielen, sich bewegen und mit seiner Umwelt auf eigene Weise in Kontakt treten.
Was einem Hund Spaß macht, ist hochindividuell. Der eine liebt andere Hunde, der andere genießt ruhige Spaziergänge allein. Der eine mag den Wald, die andere lieber drinnen bleiben. Manche Hunde lieben Bewegung und Beschäftigung, andere brauchen mehr Abstand und Erholung. Entscheidend ist, den eigenen Hund kennenzulernen und nicht vorauszusetzen, dass alle Hunde dasselbe brauchen.
Assistenzhundearbeit kann auch für den Hund eine schöne und sinnvolle Aufgabe sein. Und das ist es zum Glück auch häufig! Wenn die Aufgaben langfristig leistbar sind, zum Hund passen und das Training fair gestaltet wird, können gemeinsame Erfolgserlebnisse, vertraute Abläufe und die enge Zusammenarbeit eine echte Win-Win Situation ermöglichen!
Die Möglichkeiten, Bedürfnisse und Vorlieben des Hundes decken sich jedoch nicht immer mit denen der assistenznehmenden Person. Ein Kinobesuch, ein Straßenfest oder eine emotionale Ausnahmesituation des Assistenznehmers stellt nicht selten eine große Belastung für den Hund dar. Die Reizstärke ist unter Umständen massiv hoch, oder die Bezugsperson verhält sich nicht mehr wie gewohnt. Selbst bei sehr gut ausgebildeten Hunden, die Routine in solchen Begleitungen entwickeln konnten, zeigt sich in solchen Situationen häufig eine mehr oder weniger starke Stressbelastung. Ein solides, gut geplantes, kleinschrittiges und freundliches Training ist hier eine Grundvoraussetzung für eine möglichst geringe Belastung des Hundes.
Ruhe ist ein Grundbedürfnis
Ein Assistenzhund begleitet seinen Menschen möglicherweise an solche belebten oder lauten Orte, durchlebt Höhen und Tiefen mit “seinem” Menschen und sollte dennoch aufmerksam und fokussiert bleiben. Das ist anstrengend – auch wenn der Hund gelernt hat, sich ruhig zu verhalten. Ein gelassener Eindruck bedeutet nicht automatisch, dass eine Situation für den Hund mühelos ist. Jeder Assistenznehmende sollte aus meiner Sicht ausreichend darin geschult sein, das Ausdrucksverhalten des Hundes zu übersetzen, um im Sinne seines Partners gute Entscheidungen zu treffen.
Wichtig für die Praxis
Nicht nur deshalb benötigt ein Assistenzhund, wie jeder Hund, genügend Schlaf und ungestörte Ruhe. Er sollte sich zurückziehen können und nicht ständig ansprechbar sein müssen. Nach fordernden Einsätzen helfen passende Pausen und ein Ausgleich, der zum Hund passt. Ruhe ist kein Luxus und auch keine Belohnung für gutes Verhalten, sondern eine wichtige Voraussetzung für Wohlbefinden, Lernfähigkeit, langfristige Gesundheit und letztlich auch Einsatzfähigkeit.
Der Hund sollte Einfluss nehmen können
Ein gutes Hundeleben entsteht auch dadurch, dass der Hund nicht jede Situation einfach aushalten muss. Wo immer es möglich ist, sollte er Wahlmöglichkeiten haben: Kann er Abstand nehmen? Gibt es einen ruhigen Platz? Kann eine Begegnung beendet oder eine Pause eingelegt werden?
Dazu gehört, die Kommunikation des Hundes ernst zu nehmen und wirksame Konsequenzen einzuleiten: die Situation verlassen, sich abwenden, langsamer werden, stehen bleiben, Social Support anbieten – eben alles, was den Hund gerade entlastet. Stresssignale des Hundes sollten nicht übergangen werden, nur weil der Hund eine Aufgabe ausführen soll. Der Mensch trägt die Verantwortung, die Situation einzuschätzen und für den Hund mitzuentscheiden. Um es ganz klar zu sagen: Dies gilt auch und gerade für Menschen mit Assistenzhund.
Wenn wir nicht zuhören…
Wenn Schmerzen, Stress oder Überforderung hingenommen oder nicht bemerkt werden – die Signale des Hundes also nicht wirksam werden können –, sind deutlichere Anzeichen häufig die Folge. Meideverhalten, Angst, Aggression, körperliche Symptome, mangelnde Motivation, Rückzug und Unruhe sind einige Beispiele dafür.
Ein gutes Leben für beide Teampartner
Assistenzhund und Mensch sind ein Team, aber sie haben meist nicht dieselben Bedürfnisse. Der Mensch kann auf die Unterstützung des Hundes angewiesen sein. Gleichzeitig bleibt der Mensch dafür verantwortlich, die Belastung des Hundes im Blick zu behalten und seine Erholung zu gewährleisten.

